"no(r)way.today" ist eine verstärkt mit filmischen Mitteln arbeitende Theaterinszenierung nach dem Originalstück "norway.today" von Igor Bauersima (UA 2000 Schauspielhaus Düsseldorf).

Zwischen Wahrheit und Fiktion wird die Handlung durch einen medialen Mix aus Bühnenspiel und Filmbild erzählt. Beruhend auf einer wahren Begebenheit schildert das Stück die letzten 24 Stunden im Leben von Julie und August, zwei Jugendlichen um die zwanzig, die sich übers Internet zum gemeinsamen Selbstmord verabreden.

Für Julie sind es der allgegenwärtige "Fake" - die Täuschung - und der permanente Druck eine Rolle spielen zu müssen, die ihren Todeswunsch nähren.

Die moderne Wohlstandswelt mit all ihren ungreifbaren künstlichen Leitbildern und virtuellen Möglichkeiten vermag ihre Sehnsucht nach realen Lebensinhalten und wahren Gefühlen nicht mehr zu stillen.

August andererseits ist ständig auf der Suche nach einem "Abenteuer", nach einem Stück Leben, das ihn seiner Einsamkeit entreißt. Um endlich einmal etwas "ganz Wirkliches" fühlen zu können und nicht nur über das Leben philosophieren zu müssen, beschließt er Julies Aufruf zu folgen und mit ihr zusammen in den Tod zu springen. Beide besiegeln ihr geheimes Vorhaben mit dem Schwur "Es gibt kein Zurück!"

Sie treffen sich, bepackt mit Zelt und Dosenbier auf dem Dach eines Hochhauses. An diesem abgeschiedenen Ort beginnt das Spiel auf der Schwelle zum Tod. Es entflammt ein Dialog über das erträumte glückliche, freiere Sein, der sie aber unerwartet mit ihren Lebens-Wünschen konfrontiert. Eine riskante Rangelei über dem Abgrund zeigt, wie stark sich Julie und August nach einem wahren Dasein und ehrlichen Gefühlen sehnen. Erst auf diesem schmalen Grat an der Grenze des Todes erkennen sie, dass sie ihre bisherige mediale Scheinwelt aus Internet und TV zurücklassen müssen, um wieder zu ihrem Leben zurückzufinden.

Als sie beginnen gedanklich ihren eigenen Liebesfilm zu imaginieren, verlassen sie in einer szenischen Traumsequenz das Dach. Sie müssen aber einsehen, dass der Hoffnungsfunke, "das Sterben" sei "vorbei", vor der unentrinnbaren Konsequenz ihres Entschlusses "morgen werden wir sterben", nicht standhält.

Am nächsten Morgen versuchen Julie und August in einer Videobotschaft für Eltern und Freunde festzuhalten, was sie in diese Hoffnungslosigkeit getrieben hat. Doch das inszenierte Filmbild projiziert nur noch ein Vermächtnis aus Widersprüchen zwischen echten und falschen Gefühlen, Lüge und Wahrheit, medialer Virtualität und tragischer Wirklichkeit. Ihre Todessehnsüchte und damit der "Fake", der ihr Dasein zu bestimmen vermochte, lösen sich auf, weil sie jetzt für ihr Leben wieder eine Zukunft sehen.